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Quelle: LAUFEN.DE -  DAS MAGAZIN. Ausgabe September/Oktober 2017, Seite 78 bis 81
Bild (c) 2017 by Michaela Kellenberg

Einst wog er 193 Kilo, arbeitete rund um die Uhr und hatte keine Hobbys. Dann entschied Guido Sander: Die Pfunde müssen weg, die Lebensqualität wieder her. Das Laufen hat ihm beim Weg in ein besseres Leben geholfen.

Arbeiten, arbeiten, arbeiten. Immer arbeiten. Ständiges arbeiten am PC. Jeden Tag, 30 Jahre lang, kein Urlaub – höchstens mal eine kurze Auszeit von zwei bis drei Tagen. So sah das Leben von Guido Sander aus. „Ich habe mich mit 16 Jahren selbständig gemacht, weil ich frei und unabhängig sein wollte“, erzählt Sander. „Aber mit meinem ersten Tag der Selbständigkeit habe ich meine Freiheit und Unabhängigkeit verloren und gegen ein Leben im Hamsterrad eingetauscht.“ Guido Sander bezeichnet sich selbst als Unternehmergeist, der gerne neue Dinge aufbaute und bis in eine führende Position am Markt brachte. War das erreicht, wandte er sich gern neuen Projekten im IT-Bereich zu. Zu Höchstzeiten hatte er in seinem IT-Unternehmen knapp 20 Mitarbeiter. Eine spannende Aufgabe – aber auch eine enorm anstrengende und zeitraubende. „Ich habe jeden Tag durchschnittlich zehn bis elf Stunden gearbeitet –außer sonntags, da waren es nur sechs bis sieben.“ Seine Auszeiten bestanden aus kurzen Städtetrips, längere Urlaube gab es keine. „Da hätte ich nach drei Tagen überhaupt nichts mehr mit mir anzufangen gewusst“, erzählt der 44-Jährige. „Ich bin ein Workaholic und habe ständig über meine Grenzen hinaus agiert.“

Rückblickend bezeichnet er sein damaliges Leben als „den Horror schlechthin“. Damals erfüllte es ihn. Ausgleich in Form von Hobbys gab es nicht, es gab einfach nichts, was ihm Spaß machte – außer arbeiten. Als eine Folge seines Lebenswandels stieg sein Gewicht kontinuierlich: bis auf 193 Kilo bei 1,87 Metern Größe.

Vor ein paar Jahren dann der Wendepunkt. Zuerst nimmt sich 2009 sein Bruder das Leben. Und Guido Sander denkt, er hätte Anzeichen dafür erkennen können, wenn er nur hingeschaut und nicht die ganze Zeit gearbeitet hätte. Eineinhalb Jahre später stirbt sein Vater mit gerade einmal 67 Jahren. „Wenige Stunden nach seinem Tod war mir klar, dass ich etwas ändern muss. Weil ich sonst nicht einmal so alt werde wie mein Vater. Und wenn doch, dann hätte ich nichts anderes erlebt als meine Arbeit.“ Und etwas ist plötzlich wie weggeblasen: sein Antrieb für sein berufliches Engagement, wie er ihn bis zu diesem Zeitpunkt hatte. Und ihm wird klar, dass er vieles nur getan hat, um Anerkennung von seinem Vater zu bekommen. „Damals ging es mir richtig schlecht. Ich war in einer Sinnkrise und wusste nicht, wie ich aus meinem bisherigen Leben hinauskomme. Ich hatte ja auch einige Mitarbeiter und Kunden.“ Trotzdem ist ihm klar, dass er so nicht weitermachen will.

Hilfe findet er im Coaching. Dort wird er beraten, wie er neue Ziele findet und diese erreichen kann. Zuerst lässt er sich selbst coachen, macht dann sogar eine Ausbildung und professionalisiert sich über die Jahre (oder vertieft diese) immer weiter. Gleichzeitig fährt er die Aufträge seiner Firma herunter, hilft seinen Mitarbeitern, neue Jobs zu finden und übergibt seine Kunden in andere Hände. Finanziell kann er sich das leisten. Am 22. Dezember 2015 hat er plötzlich nichts mehr zu tun – und hat endlich Zeit, auf sich selbst zu schauen. Und spätestens da wird im klar: Jetzt darf er auf seine innere Stimme hören, jetzt kann er verletzlich sein und jetzt ist es Zeit zum Abnehmen.

Und wenn Guido Sander etwas anpackt, dann richtig. Ganz oder gar nicht. Erste Maßnahme: Er ernährt sich fortan die nächsten acht Monate komplett ohne Zucker. Er geht zum ersten Mal seit mehr als zehn Jahren schwimmen und kramt sein Fahrrad raus – bei dem wegen seines hohen Gewichts die Speichen krachen. Er findet Spaß am Fallschirmspringen und will eine Ausbildung darin beginnen. Bei der dafür nötigen sportärztlichen Untersuchung sagt ihm der Arzt, er solle besser laufen, um weiter abzunehmen bzw. das Gewicht zukünftig zu stabilisieren/regulieren. „Nie, nie, niemals, habe ich damals noch gesagt“, erzählt er lachend. Die Erfolge lassen trotzdem nicht auf sich warten: Innerhalb von knapp zehn Monaten nimmt er rund 100 Kilo ab. Im Dezember fährt er in Skiurlaub und freut sich, dass er „seinen Beinen endlich wieder vertrauen kann“.

Und dann kommt er nach Hause. Es ist der 4. Januar 2017, es ist eiskalt. Aber Guido Sander hat Spaß an der Bewegung gefunden. Er bestellt sich im Internet eine Stirnlampe und eine ordentliche Winterlaufhose und geht laufen. Zum ersten Mal in seinem Leben. Im Stockdunkeln und in Eiseskälte. „Meine Partnerin Renate dachte ich spinne. Aber Radfahren ging bei dem Wetter ja nicht“, erzählt er lachend. Und außerdem beginnt er, das Laufen zu mögen. Er bucht sich und seine Renate im laufen.de-Laufcamp im Frühjahr auf Mallorca ein – „und seitdem bin ich Feuer und Flamme“. Sogar so sehr, dass er und Renate sich noch im Camp vornehmen, Mitte Oktober beim Mallorca-Marathon an den Start zu gehen. Nach einer sportärztlichen Untersuchung und einer Besprechung mit Campleiter Carsten Eich, entscheiden sich beide für einen Halbmarathonstart auf der Baleareninsel. Und sind seitdem voll im Training.

An sechs von sieben Tagen schnürt Guido Sander die Laufschuhe, „einen Ruhetag in der Woche gönne ich mir“. Denn eines hat sich im Leben von Guido Sander grundlegend geändert: Es geht ihm nicht mehr nur um Leistung. „Ausschließlich höher, weiter, schneller hatte ich 30 Jahre lang in meinem Job, das ist heute nicht mehr mein Stil“, meint er. Ich finde Laufen als Ausgleich und zur Gewichtsregulierung genial. Und es gibt mir einen größeren Sinn im Leben.“

Der ehemalige 193-Kilo-Mann Guido Sander wiegt heute um die 80 Kilo. Im Softwarebereich, wo er einst rund um die Uhr arbeitete, hat er heute noch ein paar Kunden, die er sich aussucht. Während seine Partnerin heute etwas mehr als Krankenschwester arbeitet, übernimmt er mehr Aufgabe im Haushalt. Außerdem ist er immer gefragter als Coach und hält Vorträge darüber, wie er abgenommen und seine Ziele erreicht hat. Seine Themen: Sinn, Mut, Selbstvertrauen. Und er ist vor drei Jahren in sein Elternhaus zurückgezogen. Ein Hof auf einem 6000-Quadratmeter-Grundstück. Zusammen mit seiner Familie baut er diesen langsam wieder auf, drei Esel, eine Katze und ein Hund gehören bereits zur Familie. Neben der Modernität im Sport mit hochfunktionellem Equipment leben sie hier Traditionen und alte Werte. Ihr Ziel ist es, den Hof zu einem Entspannungsort/ zu einer Begegnungsstätte mit Workshops und Seminaren umzubauen.

„Ich habe heute ein ganz anderes Leben als noch vor ein paar Jahren.“ Aber es gefällt Guido Sander. Er hat den Turn geschafft. Hin zu mehr Lebensqualität, Ruhe, Spaß und Erfüllung. Das Hamsterrad, in dem er lange Jahre seinen eigenen Ansprüchen hinterherhetzte, hat er eingetauscht gegen seine Laufstrecken. Virtuelles Rasen gegen reales Laufen. „Das Laufen hat mir unglaublich geholfen, wieder in ein echtes, lebenswertes Leben zurückzufinden“, weiß er. „Ich hätte niemals damit gerechnet, dass es so etwas gibt, wie ich es jetzt mit dem Laufen erlebe.“ Aber unverhofft kommt halt manchmal oft. Vor allem, wenn man den Blick frei hat, für die schönen Dinge des Lebens. Es lohnt sich die eigene Komfortzone zu verlassen, eigene Grenzen zu überwinden, Undenkbares zu schaffen. Es ist nie zu spät bei sich anzukommen. Alles ist Kopfsache!