18.11.2019 10:02 | Text: Laufen.de Natascha Marakovits | Fotos/Videos: Norbert Wilhelmi

GUIDO SANDER: IN DREI JAHREN VOM 190-KILO-MANN ZUM 3:17-STUNDEN-MARATHONLÄUFER

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Hobbyläufer des Jahres 2019
Hobbyläufer Kandidat 2019

Noch vor drei Jahren brachte Guido Sander 193 Kilogramm auf die Waage. Sport war ihm ein Fremdwort. Seine Zeit verbrachte er mit Arbeit und maßlosem Essen vor dem Computer. Bis ihm sein Körper eines Tages gezeigt hat, dass es so nicht weitergehen kann. Er begann mit dem Laufen und ist mittlerweile beim Marathon angekommen, den er in Köln mit 3:17 Stunden finishte.

„Ich hatte Todesangst. Ich schwitzte und hatte eine innerliche Unruhe. Irgendetwas stimmte nicht“, erinnert sich Guido Sander an den Tag, der sein Leben für immer verändern sollte. Sein Vater war an einem Herzinfarkt gestorben und in dem Moment hatte er zum ersten Mal Angst, dass ihm dasselbe Schicksal ereilen könnte.

Der Unternehmer alarmierte seine Frau, die Krankenschwester ist. „Als sie mich durchcheckte, hatte ich einen Blutzuckerwert von über 500.“ Alarmstufe Rot. „Meine Frau wollte sofort den Notarzt rufen, aber ich wollte auf keinen Fall in ein Krankenhaus. Zu groß war meine Scham. Ich wog ja 193 Kilo. Noch dazu war es das Krankenhaus, in dem meine Frau arbeitete. Das wollte ich ihr nicht antun, dass alle sehen, dass sie so einen fetten Mann zuhause hat.“

Er konnte seine Frau überzeugen, dass sie die Nacht abwarten würden. „Das ging nur, weil sie Ahnung hatte, was zu tun ist.“ Sein Zustand besserte sich zwar wieder, eines blieb ihm aber im Gedächtnis: die Todesangst. „Ich war damals 43 Jahre alt und wusste, wenn ich so weitermache, erlebe ich meinen 50. Geburtstag nicht.“ Er musste etwas ändern. Sofort.

Zu diesem Zeitpunkt war Guido Sander ein Arbeitstier. Bereits in jungen Jahren hatte er sich selbstständig gemacht und über die Jahre sein eigenes IT-Unternehmen aufgebaut. Dementsprechend sah sein Alltag aus: arbeiten, arbeiten und nochmals arbeiten. Hobbys hatte er keine, es blieb ja auch keine Zeit dafür. Immer mehr Arbeit führte zu immer mehr Hunger. „Das Gehirn braucht ja Energie. Und die habe ich unkontrolliert in mich hineingestopft“, sagt er. „Na klar habe ich auch in den Spiegel geschaut, aber man ignoriert ist.“ Bis zu jenem Tag also, an dem er Angst hatte, sterben zu müssen. Da machte es Klick in seinem Kopf und er beschloss endlich dauerhaft abzunehmen.

„Ich bin ein Perfektionist. Wenn ich etwas mache, dann ordentlich. In den ersten vier Wochen habe ich die Ernährung radikal umgestellt, mich nur von 500 Kalorien am Tag ernährt. Natürlich habe ich dementsprechend schnell abgenommen. Es war zwar eine extreme Entbehrung, aber es machte Spaß. Ich hatte ein neues Projekt: abnehmen.“

Zum ersten Mal in seinem Leben wurde er nun auch sportlich aktiv. Angefangen mit Schwimmen, das ihm jedoch bald zu aufwändig wurde, stieg er mit 150 Kilogramm schließlich aufs Radfahren um. Mit Laufen hatte er so gar nichts am Hut. „Das war in der Schule das Schlimmste für mich. Ich war immer der Langsamste“, erzählt er. Erst mit knapp unter 100 Kilo hat ihn der Ehrgeiz gepackt. „Ich musste war Ordentliches machen und das war Laufen.“ Anfangs habe er sich schwerfällig gefühlt, aber er lief. Und das war die Hauptsache. „Meine Beine können ja doch was“, habe er sich gefreut. Die Kilos purzelten und das Laufen wurde leichter. Es machte ihm Spaß und so blieb er dran.

Im September 2018 ist er in Berlin seinen ersten Marathon gelaufen. Mit 120 Kilo weniger auf der Waage. Sein Ziel war es, unter vier Stunden zu laufen. 4:15 sind es geworden. „Ab Kilometer 35 bin ich eingebrochen. Da ich mein Ziel unbedingt erreichen wollte, habe ich mir danach einen Trainer gesucht“, erzählt der heute 46-Jährige. Seither läuft alles nach Plan und er knallt einen Bestzeit nach der anderen hin. Die zehn Kilometer ist er im September in Osnabrück in 40:09 Minuten gelaufen. Am 13. Oktober hat er in Köln die vier Stunden pulverisiert: Nach 3:17:59 Stunden ist er beim Kölner Dom ins Ziel gelaufen. Doch damit gibt er sich nicht zufrieden: „Nächstes Jahr werde ich wieder in Köln laufen und versuchen, die drei Stunden zu knacken.“

Dafür trainiert er hart. Etwa 90 bis 120 Kilometer spult er jede Woche ab. „Ich gehe sechs Mal die Woche laufen und trainiere abends noch auf dem Indoor Bike. Meistens habe ich also zwei Einheiten am Tag“, verrät er. „Da gönne ich mir dann schon mal auch etwas Ungesundes. In der Regel achte ich aber sehr auf eine gesunde Ernährung.“ Ein Leben ohne Laufen kann sich Guido Sander heute nicht mehr vorstellen.

„Vielleicht habe ich die Esssucht gegen eine Laufsucht getauscht. Die ist aber die gesünder. Denn die Esssucht wäre tödlich gewesen. Mir macht das Laufen richtig Spaß – so wie früher die Arbeit – und irgendwie will ich es auch noch mal wissen. Ich bin leistungsstärker, fitter und motivierter denn je. Leistung und Wettkampf machen mir richtig Spaß. Zusätzlich möchte ich diese Freude, das Feuer und meine Leidenschaft weitergeben. Denn dem Laufen verdanke ich mittlerweile sehr viel. Zum Glück habe ich damals angefangen. Und wenn ich das mit meiner lebensbedrohlichen Ausgangslage konnte, dann kann jeder das erst recht.

Guido Sander Hobbyläufer 2019 Fotoshooting

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